Sunday, September 29th, 2013...2:46 pm
Der Holocaust im Deutschunterricht
Liebe Kollegen, ich wäre daran interessiert zu erfahren, inwieweit der Nationalsozialismus und der Holocaust eine Rolle in Ihrem Landeskundeunterricht (Geschichtslektion?) spielen. Ich unterrichte an einer Uni in den USA sowohl Deutsch (A1-C1) als auch Germanistik (Literatur- und Kulturgeschichte). Unser Germanistik-Programm schließt auch die Vermittlung von Literatur zum Holocaust (z.B. Paul Celan) als theoretische Ansätze zur Memorialkultur ein. Darüber hinaus unterrichte ich auch einen interdisziplinären Kurs zur Memorialkultur auf Englisch für Erstsemester-Studenten.
Die Entscheidung, den Nationalsozialismus (NS) verstärkt zu unterrichten ist noch nicht sehr alt und ist den Erfahrungen gezollt, die ich mit Studenten gemacht habe, die eine für mich befremdende Faszination mit dem NS haben. Viele, in der Mehrzahl männliche, Studenten können die Namen von Generälen, Militäreinheiten, Waffengattungen und Schlachten mit Bewunderung im Detail aufzählen, haben aber keine Ahnung vom Holocaust. Wenn ich in einer A2-Klasse die Studenten einen Aufsatz zu einer berühmten deutschsprachigen Person schreiben lasse, habe ich immer einige, die die Liste von Personen im Arbeitsblatt um Nazi-Persönlichkeiten erweitern möchten.
Ich denke, dass die Schüler hier wenig über den NS im Geschichtskunde-/Sozialkundeunterricht der High-Schools lernen und daher durch umgelenktes Selbststudium, uninteressierte oder halbwissende Eltern und fragwürdige Sendungen im Fernsehen (History Channel) zu ihrem Wissen kommen. Unsere kleine Uni hat nur zwei Klassen, die den Holocaust vermitteln könnten, eine ist im Historischen Institut und wird von einem Militärhistoriker unterrichtet, die andere ist über Genozid im 20. Jahrhundert und deckt alles von Armenien bis Ruanda ab. Ich sah deshalb die Notwendigkeit, das universitäre Curriculum zu erweitern.
Ich bin mir völlig im Klaren, dass ich als Professor den Vorteil habe, die Art der angebotenen Kurse mitzubestimmen. Das geht in den Gymnasien/High-Schools sicherlich nicht. Allerdings habe Lehrer auf der Sekundarstufe natürlich innerhalb ihres Unterrichts gewisse inhaltliche Freiheiten.
Von meinen High-School-Kollegen hier höre ich oft, dass das Thema zu grausam sei, nur das Bild vom hässlichen Deutschen verstärkt und daher die Einschreibezahlen für die Kurse negativ beeinflusst. Ich verstehe das. Ich stelle es mir allerdings auch schwierig vor, aktuelle Themen ohne das Hintergrundwissen über den Holocaust zu diskutieren. Jüngstes Beispiel ist der auch in U.S.-Zeitungen publizierte Verkauf der früheren Synagoge in Koblenz an einen Investor, der dort ein Restaurant und Wohnungen einrichten will.
Meine Fragen an meine weltweiten Kollegen sind die:
- Spielt der Holocaust und oder der NS in Ihrem Landeskundeunterricht eine Rolle? Warum haben Sie sich entschieden, das Thema (nicht) zu unterrichten?
- Wenn ja, was machen Sie mit den Schülern oder Studenten?
- Wenn nein, würden Sie das Thema gern unterrichten, sehen allerdings Hürden, die dem im Wege stehen? Was sind diese Hürden?
- Treten Schüler/Studenten an Sie als Deutschlehrer mit Fragen zum NS heran? Wie reagieren Sie?
- Spielt die Geografie eine Rolle, d.h. wird in Ländern, die während des Zweiten Weltkriegs unter den Deutschen gelitten haben, das Thema mehr/ weniger/nicht unterrichtet?
Ich bin für alle sachlichen Kommentare dankbar. Eine richtige Antwort kann es hier nicht geben. Unsere Lehr-und Lern-Situationen sind oft sehr unterschiedlich. Ich möchte gern verstehen, welche Motivation Lehrer weltweit haben, dieses Thema (nicht) zu unterrichten. Alle Argumente sollten mit Respekt behandelt werden.
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